Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Sachsen-Anhalt und den Terroranschlag in Halle
Vor und nach dem rechtsextremen Terroranschlag an Jom Kippur in Halle hat der Bundesverband RIAS Interviews mit Jüdinnen und Juden aus Sachsen-Anhalt geführt. Die “Problembeschreibung: Antisemitismus in Sachsen-Anhalt” gibt einen Einblick, wie Antisemitismus von Betroffenen im Bundesland wahrgenommen wird.
Am morgigen Dienstag beginnt in Magdeburg der Prozess gegen den Halle-Attentäter. Nachdem es ihm am 9. Oktober 2019, Jom Kippur, nicht gelungen war, in die Synagoge von Halle einzudringen, tötete er zwei Menschen. Im Innern der Synagoge mussten währenddessen mehr als fünfzig Besucher_innen, die zum Beten gekommen waren, über mehrere Stunden ausharren. Der Täter hatte sich laut seinem Bekennerschreiben gezielt den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur für seine Tat ausgesucht in dem Wissen, dass sich an diesem Tag mehr Personen in der Synagoge aufhalten würden als an anderen Tagen im Jahr. Sein Ziel war es, so viele Jüdinnen_Juden wie möglich zu töten.
Ende März hat der Bundesverband RIAS die „Problembeschreibung: Antisemitismus in Sachsen-Anhalt“ veröffentlicht. Für diese im Auftrag der Landesregierung Sachsen-Anhalt erstellte Studie wurden bereits vor dem rechtsextremen Terroranschlag an Jom Kippur in Halle in insgesamt zwölf leitfadengestützten, narrativen Interviews insbesondere Vertreter_innen jüdischer Gemeinden aus dem gesamten Bundesland zu ihrer Wahrnehmung von Antisemitismus befragt. Die Befragung wurde nach dem Anschlag um eine schriftliche Erhebung ergänzt, in der die Befragten nach wahrgenommenen Veränderungen in Bezug auf Antisemitismus nach dem Terroranschlag gefragt wurden. Im Folgenden werden einige zentrale Ergebnisse aus der Problembeschreibung wiedergegeben. Die Problembeschreibung wirft ein Licht darauf, wie Jüdinnen_Juden in Sachsen-Anhalt vor und nach dem rechtsextremen Terroranschlag an Jom Kippur in Halle Antisemitismus im Bundesland wahrnehmen.
Antisemitismus in Sachsen-Anhalt aus jüdischer Perspektive
Die Befragten berichten von einer ständigen persönlichen Konfrontation mit Antisemitismus. Aufgrund ihrer Tätigkeit in jüdischen Einrichtungen, aber auch durch die mediale Vermittlung, ist Antisemitismus für sie alltagsprägend. Eine befragte Person sagt, dass antisemitische Vorfälle seit ihrer Einwanderung in den 1990er-Jahren eklatant zugenommen haben. Die gegenwärtige Situation in Bezug auf Antisemitismus wird in einem Gespräch besonders prägnant geschildert:
„Aber einen antisemitischen Grund, wie er zum Beispiel in Frankreich existiert, haben wir noch nicht. So weit sind wir noch nicht. Aber man kann es nicht prophezeien. Geben Sie dem noch ein bisschen Zeit und dann wären wir so weit. Deswegen finde ich das Gespräch ganz wichtig, weil die Situation mit Antisemitismus noch nicht explodiert ist, aber wir sitzen schon auf einem Pulverfass. Und wir müssen alles dafür tun, dass dieses Pulverfass zumindest unscharf bleibt.“
Als besonders prägend werden latente Formen des Antisemitismus beschrieben. In diesem Kontext wird in zahlreichen Interviews auf die Bedeutung des Jüdischseins für die Wahrnehmung des Phänomens hingewiesen. Die Erfahrung, lebenslang mit Antisemitismus konfrontiert zu sein, trüge zu einer Sensibilisierung insbesondere für subtile antisemitische Ausdrucksweisen bei, die es bei nicht-jüdischen Menschen so nicht gebe. Die Wahrnehmungsdiskrepanz, die daraus resultiert, und die damit einhergehende Notwendigkeit, die eigene Wahrnehmung rechtfertigen zu müssen, wird von der Mehrheit der Befragten beschrieben.
Kritisiert wird von vielen insbesondere der gesellschaftliche Umgang mit Antisemitismus: Eine ausreichende Distanzierung von den Täter_innen bleibe häufig aus, die so noch Resonanz für ihre Tat erhielten. Dabei sei gerade der israelbezogene Antisemitismus das Einfallstor für Antisemitismus. Ein_e Befragte_r schildert eine ebenso häufige wie persönliche einschneidende Erfahrung in privaten Kontexten:
„Man hat mich als Stellvertreter_in für den Staat Israel gesehen, als Stellvertreter_in für die Politik des Staates Israel und dabei vergessen, dass ich, bevor ich jüdisch bin oder bevor ich irgendwas anderes bin, ein Mensch bin.“
In vielen Interviews wird deutlich, dass für Betroffene eine direkte regionale Konfrontation mit antisemitischen Äußerungen und mitunter unmittelbaren Bedrohungen oder gezielten Sachbeschädigungen einhergeht mit einer Wahrnehmung von medial vermittelten, überregionalen Vorfällen. Vor diesem Hintergrund glaubt keine_r der Befragten, dass ein ungetrübtes jüdisches Leben möglich sei. Es gibt regional unterschiedliche Einschätzungen zur Lage jüdischen Lebens und zur zukünftigen Entwicklung des Antisemitismus, aber beispielhaft seien drei Stimmungsbilder wiedergegeben: So gibt ein_e Befragte_r an, dass dem Antisemitismus allein durch erneute Emigration zu entkommen wäre, und zwar nach Israel. Eine andere Person hat den Eindruck, dass die Erinnerung an historisch gewesenes jüdisches Leben eher finanziell unterstützt werde als gegenwärtiges. Und wiederum eine andere befragte Person sieht die Aussichten für zukünftiges jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt, in Deutschland und auch in Europa insgesamt angesichts des zunehmenden Antisemitismus ausgesprochen pessimistisch.
So beschreibt ein_e Befragte_r konkrete Fälle gezielter antisemitischer Sachbeschädigung:
„Das Banner kann ich nennen, es geht um den Synagogenneubau, und dieses Banner hat schon einige Angriffe erlebt, mindestens fünf. Einmal hat jemand mit Kuli geschrieben ‚Zum Niederbrennen‘, dann wurde es entfernt, ein anderes Mal wurde das Wort Synagoge akkurat rausgeschnitten. Das ist offenbar auch ein Test, wie unsere Gesellschaft das Thema Synagogenbau empfindet.“
Individuell beschreiben viele Befragte ihre Resignation in Anbetracht der erlebten antisemitischen Vorfälle. Ein_e Befragte_r gibt an, da es keine konkreten Handlungsoptionen für die Betroffenen von Antisemitismus gebe, würden viele ihn vor sich selbst verharmlosen und verdrängen. In einigen Einrichtungen und Gemeinden scheint es ein stilles Einvernehmen zu geben, dass es besser sei, nicht öffentlich als jüdisch in Erscheinung zu treten. Dagegen werden antisemitische Vorfälle häufig als nicht strafrechtlich relevant eingeordnet oder aber die Chancen auf einen Ermittlungserfolg als gering eingeschätzt. In den Worten einer_eines Befragten:
„Und da geht man nicht zur Polizei, weil man denkt sich so, was sollen die jetzt machen?“
Folgende Äußerung eines Befragten, liest sich im Wissen um den sich wenige Monate nach dem Interview ereignenden rechtsextremen Terroranschlag in Halle besonders eindrücklich:
„Sicherheit ist ein Thema, über das ich sehr oft rede und, Gott sei Dank, wir sind noch nicht so weit, dass wir in diese schlimme Falle fehlender Sicherheit gerieten. Sollten wir Sicherheit anfragen, wird uns immer wieder gesagt: Haben sie irgendwelche Zwischenfälle, bedroht sie jemand? Ich sage: Momentan nicht, aber die Leute sind einfach so aufgeregt, weil sie sich nicht sicher fühlen. […] Dann kommt die Frage: Werden sie angegriffen oder werden sie nicht angegriffen? Ich sage dann nochmal: Bis jetzt ist es nicht passiert. Die Antwort ist einfach. Ist etwas passiert? Sie wissen schon. Hilfe, ich werde jetzt mal getötet. Sind sie schon getötet? Nein, noch nicht. Gut, dann kommen wir später. Das hat wohl nicht nur mit uns zu tun. Das hat allgemein mit unseren Institutionen, mit der Polizei zu tun. Solange wir noch leben und uns angeblich bedroht fühlen, bleibt es unsere Sache.“
Veränderungen nach dem Terroranschlag von Halle?
Im Zuge der schriftlichen Erhebung nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Jom Kippur im Oktober 2019 in Halle sprechen viele Befragte von einem deutlich verbesserten Austausch mit der Polizei, beispielsweise in Form von Gesprächsrunden. Vor allem aus einer Stadt wurde berichtet, dass es ein größeres Interesse und eine enorme Solidaritätswelle sowohl von städtischen Behörden als auch von der Bevölkerung gab. Das habe auch neue Herausforderungen für die Sicherheit mit sich gebracht, da vermehrt Nicht-Gemeindemitglieder zu den Gottesdiensten kamen. Diese Zunahme sei vor allem eine Folge des Terroranschlags, sie sei weniger auf ein gestiegenes Interesse an der Gemeinde selbst zurückzuführen. In anderen Städten hat sich hingegen aus Sicht der Befragten das Verhältnis zur Politik und zur Stadtgesellschaft kaum bis gar nicht verändert. Es wird zuweilen davon ausgegangen, dass innerhalb der Jüdischen Gemeinde das Vertrauen in die Stadtgesellschaft und in die Politik noch stärker zurückgegangen ist. Aus manchen Städten wurde berichtet, in ihrer Stadt werde von Nachbarn und Unbekannten kritisiert, dass die polizeilichen Sicherheitsmaßnahmen Jüdinnen_Juden in unverhältnismäßiger Weise schützen würden.
Jüdische Gemeinden bekamen im Nachgang des Terroranschlags aber auch antisemitischen Zuschriften. In Halberstadt wurde seit dem 9. Oktober 2019 eine Diskussion über den „Aufkauf der Stadt durch Juden“ öffentlich wahrnehmbar. Hintergrund ist, dass seit 2018 die Einkaufspassage und dazugehörige Wohnungen im Besitz einer jüdischen gemeinnützigen Stiftung sind. Zuletzt berichtete der Bundesverband RIAS von „Antisemitismus und behördlichem Fehlverhalten“ in Halle und stellte angesichts mehrerer antisemitischer Vorfälle auf Demonstrationen, zum Teil aber auch direkt gegen die jüdische Gemeinde der Stadt gerichtet, eine „rechtsextreme Dynamik antisemitischer Vorfälle“ fest.